Alles ist relativ…

Lieber Tagesbuch, 

seit dem uns Albert mit der Relativitätstheorie beglückt hat und in der Folge Wissenschaftler erklärten, dass Zeit eine Illusion ist, der wir nur nachhängen, weil wir sonst keine Bezugspunkte im Raum hätten – seitdem geht es mir besser.

Zeit ist Illusion. Ich wusste es immer schon. Der Übergang von Vergangenheit in Zukunft ist ein steter Fluss, der sich nicht genau ‚packen‘ lässt. Dieses Jetzt. In dem Augenblick, wenn man es erwähnt oder bemerkt – ist es schon wieder vorbei und Vergangenheit. Und die kann man eben nicht konservieren. Vielleicht noch in unseren Gedanken oder Niederschriften. So, wie ich es hier ja auch immer versuche.

Schon als Kind waren mir Dinge wie ‚du bist um 6 zu Hause‘ oder ‚du bleibst nicht so lang‘ irgendwie nicht konkret genug. Was hieß nun ‚um 6‘? Ging 11 auch? Oder durfte ich nicht exakt 6 Uhr auf der Matte stehen – weil man ja ‚um‘ gesagt hatte? Was ist lang? Was ist kurz?

Gut, Frauen und Männer haben da sowieso von der Grundkonstruktion her schon ein unterschiedliches Maß. Auch was die Zeit selber anbelangt.

‚Ich komme gleich‘ – kann dann schon mal eine Spielfilmlänge bedeuten. Oder eine Halbzeit. Je nachdem. Oder auch 3 Stunden, wenn im Bad keine Elektroschocker integriert wurden. So unter dem Toilettensitz oder in der Dusche. Ausgiebiges Duschen ist ja auch relativ. Sind 2 Stunden schon zu viel? Wann bekommt man Schwimmhäute? Und warum runzelt beim einen die Haut schon nach ein paar Minuten – bei anderen aber erst nach Stunden, oder, im Fall von bereits gestrafften Gesichtern, nie?

Botox und kosmetischer Operation sei Dank. Netter Anblick übrigens. Wenn man so einer Gesichtssteifen Maske gegenübersteht. Hat etwas androgynes. Völlige Bewegungsstarre bei selbst den ausgefallensten Sätzen – und auch beim Lachen. Tja, wenn man nicht in Demut altern kann…irgendetwas falsch gelaufen in der Erziehung. Wahrscheinlich immer schon vor 6 zu Hause gewesen. Oder gar nicht rausgegangen.

Diese Gesichter erinnern mich irgendwie immer an ‚I – Robot‘ oder ähnliche Hollywoodschinken. Da fällt mir ein: ist der Hollywoodschinken eigentlich in der EU oder weltweit geschützt? So wie der Parma- oder der Schwarzwälder? Und warum bezeichnet man alte Bilder oder Bücher ebenfalls als Schinken?

Da wären wir doch schon bei den Details.

Alles ist irgendwie relativ seit Einstein. Selbst Albert. Ob nun ein oder zwei Steine – das dürfte bei der Entdeckung der Relativität keinen Unterschied gemacht haben. Aber ob Schwerkraft im Wartezimmer des Zahnarztes in der Lage ist, die Zeit zu dehnen – ich sage: ja!

Um das Massezentrum des Arztes herum bildet sich meiner Ansicht nach ein sogenannter Ereignishorizont.

Jeder, der im Warteraum mit erheblichen Zahnschmerzen sitzt, wird schon durch den Geruch und die Geräusche in eine Art Paralleluniversum katapultiert. Da werden Minuten zu Jahren!

Der 15jährige, der in der Bravo oder InTouch liest(unwahrscheinlich) oder auf seinem neuesten Smartphone herumdaddelt (eher wahrscheinlich) – für den vergeht die Zeit allerdings wie im Flug. Warum vergeht Zeit im Flug schneller als im Kaugummi? Wenn sie sich hinzieht wie derselbe?

Welche Kräfte wirken auf die Körper, wenn man im Kino auf dem falschen Platz sitzt und panisch den Eingang beobachtet – ob der wahre Besitzer der Logenkarten noch kommt oder man den Film auf eben diesem Platz genießen kann? Ist dieses Spielchen ebenfalls genauso spannend bei ausverkauftem Haus?

Alles ist relativ.

Der eine muss wegen nicht bezahlter Parkknöllchen für 3 Jahre hinter Gitter. Der andere bekommt trotz massiven Steuerbetrugs (30 Millionen muss man erst mal hinterziehen können! Welche Summen da im Spiel sind, Kruzifix sag i nur!) nach knapp einem halben Jahr wegen guter Aussichten auf die Re-sozialisation schon wieder ein Präsidentenamt beim bayerischen Staatsfußball.

Der eine verdient mit ‚Chery-Chery-Lady‘-Gedudel Millionen – der andere kommt mit ‚is-mir-egal‘ gerade so über die Runden.

Was ist Strafe? Für den einen schon der nicht mehr essbare Schokoriegel, weil die Waage und der Partner mit strengem Blick jede weitere Kalorienzufuhr argwöhnisch betrachten – für den anderen erst der Entzug von Anwesenheit oder eben von Trilliarden der jeweiligen Landeswährung…wenn man Materialist ist.

Alles egal? Von wegen.

Von ‚Relativierern‘ wimmelt es im Alltag nur so. Wenn man allerdings immer mit irgendeiner Relation wieder alles relativiert, dann wird nichts geändert! Denn man kann zu allem immer die passende Statistik finden. Jeder siebte Mensch ist ein Chinese. Wenn ich mich so im Büro umschaue…stimmt da irgendetwas nicht. Gut, die reden immer alle Fachchinesisch – aber die Sprache ist ja nicht alles. Wenn dem so wäre, wären die Bayern oder die Schweizer schon verloren! Okay, ich nehme es zurück. In Wirklichkeit ist Deutsch ja sowieso auf dem Rückzug.

Relativ zur gesamten Menschheit gesehen – sind wir nur eine kleine Nische. Aber eine nette, wie ich finde. Und irgendwie stimmen uns dabei ja auch viele andere Menschen auf dem Globus zu. Gott-sei-Dank hat sich das Bild über die Jahrzehnte gewandelt. Nicht jeder ist Braun oder ein literarisches Genie. Meist ja nur eins von beidem, sieht man ja auch an der neuen Version von Mein Kampf.

Ich kann nur sagen: ich hätte die Kommentare nicht gebraucht. Ich habe mich als Jugendlicher voller Interesse an das Werk herangewagt…und bin nach ein paar Seiten überfordert gewesen. Ich habe NICHTS verstanden. Hätte also auch Chinesisch sein können.

Wäre vielleicht auch besser gewesen.

Interessanterweise habe ich vor kurzem erfahren, dass der Attentäter des ersten Weltkriegs, Gavrilo Princip, nur ein Zufall der Geschichte war. Eigentlich wollte das Paar einen ganz anderen Weg nehmen, ein Bombenattentat zuvor war fehlgeschlagen, die Polizei führte das Paar aber weiter auf der geplanten Route…und so konnte Gavrilo, der scheinbar als einziger der Verschwörer noch nicht den Heimweg angetreten war, in der Sekunde, als der Wagen stoppte, zuschlagen. In der Folge erster und zweiter Weltkrieg, Kalter Krieg und Vietnam und Hiroshima und Nagasaki und so weiter und so fort.

Zufall. Oder Notwendigkeit?

Komische Dinge, die einem im Wartezimmer so durch den Kopf gehen wenn man über Relativität und den anstehenden Termin nachdenkt. Hoffentlich ist der Arzt kein Chinese. Oder lieber doch? Ist ja schließlich ein Akkupunktur-Termin.

Und Akku – das kann ja nur Energie geben! 

WEISSE BESCHEID, ne?

 

 

 

 

2 Gedanken zu “Alles ist relativ…

  1. autorenseite schreibt:

    Wie ich lese, hast Du Hitlers „Mein Kampf“ nicht verstanden. So weit bin ich gar nicht gekommen. Ich habe das Buch als Jugendlicher trotz mehrerer Anläufe nicht einmal lesen können.
    Ich muss lachen, wenn ich höre, dass nun die erste kommentierte Auflage schon vergriffen ist: Es wird dann den Käufern so gehen wie uns beiden seinerzeit, besonders wenn die Kommentare noch unlesbarer sind als Hitlers Geschreibsel.

    Gefällt 1 Person

  2. hansjoachimantweiler schreibt:

    Liebender Bos

    Ein genialer Artikel gelungener Sublimation einer für unkreative Menschen langweiligen
    Opferrolle als Wartender im Vorzimmer eines Gottes in Weiß
    Ich nehme immer ein Buch mit
    Titel: Mein Friede
    Und zur Frage „Zufall oder Notwendigkeit?“
    Es gibt wenn Du wissenschaftsergeben bist keinen Zu fall
    Denn eine Türe die zufällt wird unsichtbar von einem Luftzug geschlossen
    Und die Quantenphsik nebst Methaphysik haben Uns längstens aus jedweder Opferrolle
    derer vom „Blinden Schicksal Geschlagener“ befreit
    Eine Arbeit im Wartezimmer der Geschichte“ Der Nationalsozialismus von Deutschland
    ausgehend,blindes Schicksal oder geistige Notwendigkeit?“
    Diese Arbeit hatte ich versucht zu veröffentlichen zu referieren
    Zeitschriften und Vereine lehnten ab. Aus Angst.
    Denn das Dunkel der Geschichte wil lsich noch nicht im Lichte der Zukunft erhellen
    Da Krieg ein fünf Generationen nachwirkendes Schrecknis ist
    Und der NS Staat wohl zerschlagen wurde doch sein Unwesen als Phantomschmerz durch
    die Gegenwart gespenstert
    Angst relativiert
    Lieben ist absolut
    Und Sie meint weder lieb sein
    Noch lieb haben
    Und da Nein ist wohl eine klare Geste der Liebe
    Wie ein gedehntes Jaah aber vieleicht die Verunsicherung einer letzlich
    verängstigten Seele zum Ausdruck bringt
    Ich bin auf Deine nächste Geistesfrucht im Flughafenwarteraum oder Stau gespannt

    danke
    Dir Joachim von Herzen

    Gefällt 1 Person

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