Handy for President

Lieber Tagesbuch,

ja, ich meine das vollkommen Ernst. Jetzt nicht, dass ‚il Presidente‘, der einzig wahre und große Anführer der einzigen und wahren Revolution, ein neues Handy erhält. Das wohl auch, zumal eines angebracht wäre, welches nicht abhörbar und garantiert NSA-sicher ist. Ach, gibt es gar nicht? Na dann…

Nein, ich würde doch tatsächlich dazu raten, das nächste Mal bei der Wahl der Präsidenten weltweit doch lieber direkt die eigenen Handys antreten zu lassen. Die werden doch sowieso so gern in die Hand genommen und umschmeichelt. Und keiner mag sie mehr missen. Sie werden behütet und gepflegt wie der eigene Augapfel und sind heutzutage ebenfalls weltweit doch das teuerste Gut, verbergen sich dahinter doch alle notwendigen Zugriffsdaten auf alle wichtigen Details des jeweiligen Lebens. Habe ich mir zumindest sagen lassen. Also was könnte wichtiger sein? Und man würde sich auch die ganzen Diskussionen und Wahlkämpfe ersparen! Wählt das neue Iphone35765! Macht ihr doch sowieso!!!

Täglich greift also der Durschnittsdeutsche alle 4 Minuten zum Handy. Manch einer hat gar keines – andere wieder lassen ihre Hände gar nicht mehr von der mobilen Ladestation der Eifersüchteleien oder der Selbstdarstellung. Sie können nicht in den Tag gleiten, ohne vorher zumindest kurz nach den letzten Nachrichten auf Twitter, Facebook oder auch nur dem E-Mail-Account geantwortet zu haben.

Da wären wir also, neben den gestern erwähnten Süchten, bei einer neuen Form der Abhängigkeit und auch der eigenen Prostitution. man kann sehr wohl darüber streiten, ob jeder andere Bürger in der Welt gleich 6 Sekunden nach dem Kochvorgang auch wissen muss, was ich mir heute Abend in den Fleischsack packe und dann über Nacht verdaue. Ebenso braucht es wohl nicht alle 5 ein halb Minuten ein neues Selfie. Ich beim aufstehen. Ich beim Zähne putzen. Ich beim anziehen. Ich beim einkaufen. Ich beim vertrümmen des Nachbarn, weil er mir wieder den Parkplatz weggeschnappt hat. Ich beim Einbruchdiebstahl im Discounter um die Ecke. Ich auf der Wache. Ich vor dem Richter. Ich im Knast. Ich bei meiner neuen Clique, die mich so toll beschützt hier im Gefängnis. Ich mit meinem Bewährungshelfer…

Man kann es nicht mehr sehen oder gar mitverfolgen. Also lässt man besser seine Finger davon. Aber dann vibriert es wieder. Das Fernsehen der Neuzeit. Streaming-Dienste und jederzeitiger Internetzugriff inbegriffen. Der Nervtöter mit aller neuestem Klingelton und Bluetooth-Schnittstelle. Und man MUSS quasi danach greifen. Nur kurz noch die Nachricht lesen. Dann mach ich das Licht aus. Oder doch unter der Bettdecke weiter.

Ob wir uns in Zukunft auch auf dem Sterbebett noch mit allen per Whatsapp unterhalten, die letzten Worte sozusagen verewigt auf einem Server im fernen Tuvalu? Der Inselstaat, der inzwischen zwar untergegangen ist, dessen Internetnutzungsrechte aber ohne Weiteres auf einen Rechtsnachfolger in Luxemburg übergegangen ist? Oder bei der Hochzeit? Livestream aus Las Vegas? Hip wäre es ja. Und sicherlich auch schön billig, muss man doch nichts zu essen und zu trinken herankarren. Und die bucklige Verwandtschaft bleibt erst einmal ausgesperrt. Dafür erfährt es aber sofort der virtuelle Freund in Russland, der gleich seine gesamten Fachkräfte hier in Deutschland losschickt – um die heimische Wohnung in der Zwischenzeit besenrein für den nächsten Mieter abzuliefern…Umzugswagen gleich inbegriffen. Und die Nachbarn posten Selfies mit den Möbeln auf der Straße oder den Umzugshelfern bzw. deren Sixpacks die so schön in der Sonne glitzern. Muskelaufnahmen beim Einbruch. Nett.

So wie jeder zweite schon durch die Stadt läuft, als wenn er es ohne Handy gar nicht mehr könnte. Wenn ein Außerirdischer dies sehen würde, der würde seinen Kumpels, die hier ja immer nur die totale Herrschaft und damit die absolute Macht ergreifen wollen, raten, den Menschen dieses ulkige Dings aus der Hand zu entfernen. Denn scheinbar beziehen die ihre Energie aus dem Teil. Zumindest ist ein Akku drin. Hat der Scan ergeben. Und die, die ohne rumlaufen? Erst mal egal, sagt der Chef, um die kümmern wir uns später…

Mal ehrlich, wie oft habe ich schon Paare sich gegenüber sitzend und in ihre Handys starrend im Cafe sitzen gesehen? In letzter Zeit eher sehr oft. Vielleicht waren es aber auch gar keine Paare sondern nur dem gegenüber wildfremde Menschen, die nur wegen der Schnelllebigkeit der Nachricht und der Zeit kurz Unterschlupf suchten, in dem netten Cafe um die Ecke, um die letzten Nachrichten nicht allein lesen zu müssen, andere daran teilhaben zu lassen. Sozusagen gemeinsames chatten – ohne dass man wirklich miteinander verbunden ist. Irgendwo habe ich letztens gelesen, dass wir alle uns weltweit kennen, verknüpft durch die neuen Dienste und der virtuellen Realität die damit einhergeht. Oder eben zumindest auf der virtuellen Ebene irgendwie Freunde sind. Like! Ich kenne quasi die ganze Welt – in dem ich mich von einem zum anderen hangele.Dann brauche ich auch gar kein eigenes Leben mehr, ich kann ja den anderen stetig folgen. Und wenn ich dabei eine Baseball-Kappe trage – ist dies dann mein eigenes Handy-Cap? Und kann ich damit dann auch gleich golfen gehen? Fragen über Fragen. Aufgeworfen durch die Revolution der Kommunikation. Eigentlich wie in Star Trek vorhergesehen. Es kommt halt immer, wie es kommen muss…irgendwie…

Und mit dem Verzicht auf das eigene, reale Leben geht die Sucht nach dem nächsten virtuellen Kommentar einher. Dem nächsten Like. Ja, ich gebe es zu. Auch ich bin schwer abhängig. Wenn ich nicht schon 5 Minuten nach dem Posting mindestens ein ‚gefällt mir‘ ergattert habe, bricht für mich meine kleine, strukturierte Welt zusammen. Heulend verkrieche ich mich ins Schlafzimmer in mein kuscheliges Bett – und poste ein Selfie davon.

Oder ich kann mich auch selber beim onanieren filmen. Oder andere. Und damit gutes Geld verdienen. Nennt sich dann Erpressung. Selfie: ich bei der Geldübergabe.

Einige Sekunden später eintrag auf dem Facebook-Account der örtlichen Polizei: Täter gefasst! Mit Selfie vom diensthabenden Polizisten mit dem Erpresser.  Ich. Und alle Welt kann liken.

Auch das Paar im Cafe. Die gar nicht zusammen gehören. Sich aber mit ihren virtuellen Profilen sogar gerade in diesem Augenblick im selben Dating-Cafe treffen. Und so irgendwie doch miteinander quatschen, obwohl sie sich stumm in ihre Displays starrend gegenüber sitzen. Überspitzt, ja. Aber heute doch schon kranke Realität.

‚Und dann mussten wir uns einfach trennen.‘

‚Wieso, habt ihr einen bösen Krach gehabt?‘

‚Ne, Akku war alle…‘

Für solche Fälle wäre es ja durchaus auch denkbar, dass es überall öffentliche Ladestationen gibt (kein WITZ!) bei denen man sein Handy aufladen kann. Schließlich ist die nächste Ortsangabe (‚bin gerade im Bus‘, ‚bin gerade bei Aldi‘, ‚bin gerade beim Friseur‘, ‚kahrre grate Auto‘) über lebenswichtig und muss vor dem Aufprall auf den Vierzigtonner am Stauende auf der Autobahn noch schnell in die virtuelle Irrealität entlassen werden. Hätte uns dies jemand vorhergesagt, er wäre für nicht ganz richtig im Kopf befunden worden. Zu dieser Zeit gab es allerdings auch noch Telefone mit Kabeln in gelben Zellen, die manch einer auch zum erledigen des dringenden Geschäfts (jetzt nicht eines Ein- oder Verkaufs sondern eher der Notdurft) oder zur Verwüstung des örtlichen Telefonbuches verwandte. Ja, es gab mal solche Bücher. Zu den Zeiten kannte man allerdings auch die zehn wichtigsten Nummern seines Lebens auch noch auswendig. Versuch das heute einmal. Keine Chance! Man trug Mobiltelefone mit sich herum, bei denen der Ersatz Akku im Kofferraum des eigenen Autos lag – weil er so viel Platz weg nahm. Da hatte das Handy ein Gewicht, welches man nur mit der Statur eines Ringkämpfers oder Gewichtheber überhaupt ertragen (Sprichwörtlich) konnte!

Das Highlight für jeden Haushalt war ja schon statt des GRAUEN Telefons das GRÜNE! Da hat sich die Bundestelefonbehörde mal so RICHTIG angestrengt! Und im Nachgang zur Wählscheibe kam dann sogar das Tastentelefon! Damit war man der König der Schrebergartenanlage, ach was, der gesamten Nachbarschaft! Da kamen alle zum stundenlangen Telefonieren – und die anderen saßen im heimischen Wohnzimmer vor der ersten Mattscheibe versammelt. Heile Welt! Da konnte man noch Großkotz spielen ohne dafür einen Ferrari oder Lamborghini in Gelb vor der Haustür zu parken!

Und irgendwann waren dann die Teile so klein, dass man sie fast in der Ritze auf dem heimischen Sofas verlor – weil man eben nur damit Telefonieren konnte. Und heute? Ein mobiles Navigationsgerät im Mobiltelefon ist ja nur ein weiteres GIMMICK!

Virtuos wird also sogar beidhändig während des Spazierganges im Park mit irgendjemand anderem, der vielleicht gerade in einer Achterbahn sitzt oder zum Mond fliegt, darüber philosophiert, dass man ja schon sooooo lange nicht mehr in einem Park war oder in einer Achterbahn sitzend zum Mond geflogen ist. Und 100 andere ‚Mitlauscher‘ liken oder staunen ‚AAAAAAAAHHHHH‘. Weil sie selber gerade im Wartezimmer des Zahnarztes sitzen. Nicht so prickelnd. Aber wie schön, dass es das Leben der anderen gibt. Oder YouTube. Da mach ich mir das Fernsehen dann eben so, wie ich es haben will. Wenn das Fernsehen schon Youtube-Videos zeigt, dann ist es wohl nicht mehr lange bis zum Ende einer weiteren Ära. Generation für Generation stirbt aus, was eigentlich selbstverständlich war. Frag mal die Weber oder Kutscher. Gut, als Rarität in Wien auf einem Fiaker vielleicht noch wahrnehmbar. Aber erzähl mal den Taxifahrern heute von Uber. Oder dem Einzelhandel von Amazon.

Und jetzt blinkt es schon wieder. Also greife ich wieder zu dem kleinen, schnuckeligen Metallgehäuse. Ganz verzückt wer mich denn jetzt anschreibt – gerade in meiner Hochkonzentrationsphase…

Mein Chef.

Ich soll arbeiten und nicht rumchatten.

WEISSE BESCHEID, ne?

 

8 Gedanken zu “Handy for President

  1. ratzebine schreibt:

    Der Satz „Generation für Generation stirbt aus, was eigentlich selbstverständlich war. “ ist doch aber vollkommen logisch. Der Lauf der Zeit. Schon immer so gewesen. Außer daß es immer einen tick länger dauert weil wir alle älter werden …
    Was zeigt, daß selbst Satzzeichen diese unsere schöne deutsche Sprache, derer Du dich auf so wundersame und meist sogar wunderbare Weise annimmst, nicht ihrer manchmal inhärenten Mehrdeutigkeit berauben.
    Zum handy fällt mir wenig ein, Hab eins seit mein Göga es mir unbedingt mal zum Geburtstag schenken wollte … Anno tubak aber weit nach der Einführung der ersten selbigen. mittlerweile natürlich in dem zusammenhang das vierte oder so wegen Geistaufgabe.
    Und seit 2 Jahren ein tolles smartes weil Rufbereitschaft vonne Firma gestellt … und da ertapp ich mich dann doch auch mit im Bett, nicht selfiend (in jeder Beziehung) aber surfend, weil das ja doch mittlerweile so supergut fluppt und auch ich likes-goil auf fb rumposte (mit eingeschränkter Sichtweise von außen).
    Was ich NIE verstand auch in der Vorzeit von fb als das noch surfen in Laufforen hieß, und auch nie verstehen werde ist die Sache mit der Abwesenheit und den Urlaubsfotos. Ok, ist billiger als ne ganzseitige Annonce in der BLÖD „kommet doch alle, das Haus ist soooo leer“ und trotz deren leider lalzugroßer Auflage wohl doch NOCH werbewirksamer …
    Zum Abschluß ein Gimmick, wieso ich überhaupt hier reingeguckt (also die Benachrichtigungsmail nicht aus Zeitmangel direkt weggeklickt) habe – las was von President und wollte Dir UNBEDINGT das mal wieder megagelungene ketzerische von WorsAsImage vorlegen https://scontent-frt3-1.xx.fbcdn.net/hphotos-xtf1/v/t1.0-9/12813973_941775409225190_3469411289885114314_n.jpg?oh=dbd245909b52c2790b511f6dacc4132c&oe=5794E867

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