Die gestohlen(st)e Stunde

Lieber Tagesbuch,

steht wieder einmal an, an diesem österlichen Wochenende. Jetzt nicht die Stunde, die durch allzu heftigen Alkoholgenuss und dem damit einhergehenden Dimensionsübertritt zwangsläufig zumindest dem Bewusstsein verloren geht. Nennt sich für gewöhnlich auch Filmriss. Wenn man also nach dem letzten Bier nicht mehr ganz so genau weiß, wie man ins heimische Bett gekommen ist. Und warum der Nachbarshund auf dem eigenen Klo eingesperrt und die Einfahrt mit erbrochenen Pizzaresten übersäht ist. Ganz zu schweigen von der fehlenden Hose und den darin enthaltenen 500 Euro, die eigentlich für die Anzahlung des Sommerurlaubs gedacht waren.

Diese Stunde möchte der Dimensionsspringer im Nachgang oft und gern vergessen, schließlich zeugt sie indirekt vom Unvermögen mit Unmengen von vergorenen Flüssigkeiten umgehen zu können. Und dabei die Contenance nicht zu verlieren. Möchte man dann eigentlich auch nicht mehr genauer drüber reden. Schwamm drüber sozusagen. In der Einfahrt sogar bildhaft.

Nein, hier geht es wirklich um die Stunde, die man uns seit Beginn der 80er Jahre – ja, die tollen 80er, sie hatten auch ihre Schattenseiten – immer wieder zu Sommerzeitbeginn, ohne erneute Rücksprache wohlgemerkt, klaut. Oder um es im Superlativ zu sagen: die tollste Stunde. Oder eben die gestohlenste Stunde. Weil sie einem im Frühjahr fehlt und dann auf wundersame Weise im Herbst wieder erscheint. Sozusagen gebeamt. Die Zeit selber. Durch die Zeit. Dies, in seiner Ausprägung, ein durchaus hochphilosophischer Ansatz heute – da ja auch die Zeit selber nur ein Konstrukt des Menschen ist. Für die Natur selber gibt es eben nur das ‚jetzt‘. Ist auch besser. Sonst würde die Natur noch Anfangen zu planen. Und womöglich auch noch 5-Jahres-Pläne aufstellen.

‚In 5 Jahren seit ihr feddich mit dem Atomausstieg!‘

Dann hätten wir ja mal was zu tun. Und die Betreiber einen besonderen Druck mit dem Rückbau der Anlagen. Der ja nicht durchfinanziert ist. Zu wenig Rücklagen gebildet. Haben die ja derzeit eher nicht, den Druck. Und eben deswegen auch keine Kohle. Erst wird sich schön über Jahre der eigene Wanst vollgeschlagen, mit den Gewinnen aus der absolut unschlagbaren Energie-Alternative (zu DUMPING-Preisen hergestellt, wohlgemerkt!). Und dann finanziert der deutsche Michel auch noch den Rückbau! Weil alternativlos. Das hätten die Herren Betreiber gerne. Die bilden ja schon seit Monaten sozusagen ‚Bad Energiefirmen‘, in denen die Risikoposten lagern. Und die Teile des Geschäfts, die prächtig Gewinne abwerfen, die werden in eigene Gesellschaften gepackt. Ein Schelm wer Böses dabei denkt! Nein, das ist eben Change Management auf feinste Art. Ich könnte denen auch mal was changen. Am besten den Kopf vom Rumpf. Endgültig. Sozusagen ‚Bad Rumpf‘.

Der Sommerzeitklau wurde also in meiner Kindheit vordergründig eingeführt, um angeblich die Abendstunden besser zu nutzen. Da bliebe noch zu klären, wer hier wem was einführt. Aber das ist ein anderes Thema. Wie so oft. Da es draußen also eine Stunde länger hell ist – kann man damit dann ergo auch Licht einsparen. So war der Gedanke damals. Klar, die Grünen waren als Protestpartei gerade im Aufwind, da musste der Parlamentarier mal schnell ein Kaninchen aus dem Hut zaubern. Oder eben die Sommerzeit und den damit verbundenen Stundenklau erfinden. Schade, wenn es mit den ganzen LED-Lampen, die ja auch zwangsweise eingeführt wurden, heutzutage dann nur noch um einen Bruchteil von den damals erdachten Einsparungen geht – denn irgendwie hatten die ganz, ganz schlauen dabei vergessen, dass man ja auch eher mit dem heizen anfängt – da die frühen Morgenstunden eben noch sehr kalt sind im Frühjahr, denn die Sonne geht ja während der Sommerzeit damit dann auch später auf. Und da durch den Verordnungswahn aus Brüssel dann auch noch die Glühbirne als Heizkörper gleich mit wegfällt…

Blöd. Irgendwie. Menno.

Um diesem mittelschweren Dilemma, nahe an der italienischen Tragödie, zu entgehen, hätte man sich aber über die Einführung der Sommerzeit damals auch einmal grundsätzlich Gedanken machen müssen. Da aber Anfang der 80er die meisten Diskussionen eher um Pershing (statt Petting), Atomkraft (Nein Danke) und das konstruktive Misstrauensvotum (und danach eine längere Periode nur noch Kohl in der Politik) zu tun hatten, blieb wenig Gehirnschmalz für die – damals ach so notwendige – Einführung der Sommerzeit übrig.

Das haben wir nun davon.

Was wird also alles verhindert, weil diese Stunde einfach abgezogen wird? Vielleicht eine anstehende Trennung? Weil man nicht mehr dazu kommt, den entscheidenden Satz (‚Ich ziehe zu meiner Mutter!‘) zu sagen? Man muss quasi sein leben lang mit einer Lüge leben – wegen dieser einen Stunde!

Schrecklich!

Oder ein lange schon notwendiger Krankenhaus- oder Arzttermin, der verschoben werden muss. Bei dem beim Abgeordneten, der damals die Einführung der Sommerzeit initiiert hat, dann festgestellt wird, dass es sich NICHT um ein Ödem im Kopf sondern eher um die komplette Abstinenz des Gehirns handelt.

Schrecklich!

Oder gar der Kinobesuch, bei dem ein paar zusammenkommt, die im Nachgang dann einen Nobelpreisträger zeugen, der all unsere Probleme als Menschheit auf dem Planeten löst…der aber wegen der geklauten Stunde und dem nicht stattfindenden Date dann nicht geboren wird…

Schrecklich!

Und was könnte man nicht alles mit der neu gewonnenen Stunde realisieren? Bei ca. 40 Millionen hart arbeitenden Mitbürgern hätten wir mal eben auch 40 Millionen Stunden zur Verfügung. Also knapp 4500 Jahre. Mann, da könnte man komplette Weltreiche erschaffen oder auch wieder untergehen lassen. Gigantische Projekte, wie eine Brücke zum Mond, wären endlich machbar. Man könnte endlich BER fertig stellen! Und das alles in der kurzen Uhr-Umstellung Ende März.! Über Nacht sozusagen. Und nur in unserer Republik.

Unfassbar.

Man könnte endlich die Einsteinsche Relativität mit der Heisenbergschen Quantentheorie zur allumfassenden Theorie ‚von allet‘ vereinen! Sozusagen die absolute Lösung aller Probleme! Wobei dann Zeitumstellungen sicher sehr schnell der Vergangenheit angehören würden…und nein, ich rede NICHT von der Abschaffung der Berufspolitik. Auch wenn es sich FAST so anhört…

Was wäre nur erst möglich, wenn wir den kompletten Irrsinn der Zeitumstellung sogar auf die gesamte Weltbevölkerung ausdehnen? Gut, man würde etwas durcheinander kommen mit den Zeitzonen und der hin und her Rechnerei – wenn man genau zu diesem Zeitpunkt auf seiner Urlaubsreise wäre. Ist man jetzt eine oder 2 Stunden zurück? Was, wenn ich die Sommerzeit mit draufrechne? Und wenn ich erst mit Einbruch der Winterzeit wieder abreise – wie so mancher Wandervogel?

Fragen über Fragen.

Wer sie definitiv nicht löst, ist unser Parallelament. Schon mal davon gehört? Ja, die kleine Ansammlung von Menschen, die unsere wichtigsten Probleme so nebenher…auf die lange Bank schiebt. Bis zur nächsten Wahl sozusagen. Und so eine kleine Problematik wie die Zeitumstellung erst gar nicht diskutiert – auch wenn 70% der Bevölkerung laut aktuellen Umfragen für eine Abschaffung der leidigen Umstellung wäre. Und die anderen 30 Prozent dazu sowieso keine Meinung haben. Wie immer. Gut, die gehen dann ja auch eher nicht wählen, also dürfen sie sich auch nicht beschweren wie und wer regiert. Anderes Problem.

Ich persönlich wäre ja sogar für eine Ausweitung der Zeitumstellung. In ganz großem Stil. Oder, auch so eine Stilblüte der letzten Monate, eine sehr, sehr, sehr große Zeitumstellung. Das mit dem dreifachen ‚sehr‘ benutzen derzeit eher die schreib-, lese- und denkfaulen unter uns. Um damit extra zu betonen, wie sehr-sehr-sehr sie eine Sache jetzt gut oder schlecht finden. Ist halt so, wenn einem die Superlative ausgehen. Oder der allgemeine Sprachgebrauch bei 50 Vokabeln endet. Oder bei derselben Anzahl von Vokalen. Auch damit kann man seine Superlativierung ja betonen. Das finde ich seeeeeeehr wichtig. Soooozusagen. Kommt man natürlich bei Twitter schnell an die Zeichengrenze. Muss aber gleichzeitig beim lesen der Nachricht nicht sooooo viel nachdenken. Ist heutzutage auch eher förderlich. Sowas.

Ich hätte da, wie soeben erwähnt, halt noch einen anderen Superlativ anzubieten: nämlich diiiiiiiiiie Zeitumstellung am Sonntag abend. Um exakte 5 Tage. Womit dann gleich nach der wöchentlich wiederkehrenden Umstellung wieder Freitag abend wäre. Und damit Wochenende. Passt doch. Das Wochenende mit dem Wochenende ausklingen zu lassen. Hört sich zumindest toll an. Wäre mein Wunsch an das Universum. Derzeit. Gut, 52 Umstellungen im Jahr, könnte auch wieder Stress bedeuten. Aber ich fände es cool.

Und groß an der Uhr zu drehen bräuchte ich dann ja eigentlich auch nicht mehr. Interessiert es doch eh keinen, wann ich dann NICHT zur Arbeit komme.

Weisse Bescheid, ne?

5 Gedanken zu “Die gestohlen(st)e Stunde

  1. Stella, oh, Stella schreibt:

    Mein Mann sagt immer, dass man niemals nach einem freien Tag wieder zur Arbeit gehen sollte. Ich halte mit ihm!

    Kennen Sie das Buch von Paul Lafargue, dem Schwiegersohn von Karl Marx, das „Das Recht auf Faulheit“ heisst (Originaltitel: Le droit de la paresse)? Sehr schönes Buch.

    Gefällt 1 Person

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