Das Übersetzungsbüro

Lieber Tagesbuch,

für Leichte Sprache erklärt mir vom gestrigen Tage an, warum ich schon seit Jahren das Gefühl habe, ein Alien zu sein. Fremd auf diesem Felsbrocken im All namens Erde, fremd in meinem Land, meiner Stadt und oftmals sogar in meinem Körper.

Klar, nicht selten hat dieses Gefühl eher damit zu tun,  dass ich meinen Fleischsack mit einer Überdosis alkoholartiger Substanzen derart schnell konfrontiert habe, dass dem armen physischen Ausdruck meiner Existenz nur eine simple Lösung bleibt: sich zu erbrechen.

Da kann man sich dann schon mal fremd im eigenen Körper fühlen, wenn sich alles dreht und man sich eher auf einer Achter oder gar 16erBahn wähnt.

Und sind wir doch mal ganz ehrlich, wie oft war dir in deinem Leben schon so richtig zum kotzen zu Mute?

Und das eher nicht wegen eines seltsamen Mageninhalts oder einer allzu kurvenreichen Strecke in den Schweizer Alpen auf der Flucht vor den deutschen Steuerfahndern, die nur mit einer kleinen, silbrig-glänzenden CD bewaffnet versuchen, dir, dem Beelzebub der Steuerhinterziehung, die Flötentöne beizubringen? Oft, ich weiß. Aber dies soll hier nicht das Thema sein.

In manchen dieser Kotzanfälle ist es aber auch nur das Unverständnis über einen nicht einmal sonderlich  komplizierten Sachverhalt.

Da könnte man einfach kotzen weil einem danach ist.

Und genau um dieses Unverständnis teilweise oder sogar ganz auszuräumen – wenn man denn intellektuell dazu in der Lage ist, gerade beim Typus des Berufspolitikers habe ich da ja oftmals so meine argen Zweifel, aber dies ist ja auch weithin bekannt – also um auch noch die letzten Fragen zu beantworten und absolute Klarheit zu schaffen, da gibt es nun das Übersetzungsbüro der Leichten Sprache.

Bevor ich dir in kurzen, verständlichen, klaren und leichten Sätzen erkläre worum es sich dabei handelt, sollten wir noch ein Wort zum gerade erwähnten Berufspolitiker verlieren.

Sicher, man kann ja immer einräumen, die lieben Abgeordneten MÜSSEN nicht immer alles verstehen, was sie so den lieben, langen und sicher auch sehr anstrengenden Tag im noch weitaus anstrengenderen  Parlament vor sich hin beschließen. Aber schön wäre es schon, oder?

Wenn jemand mir zum Beispiel die Halbwertszeit für Plutonium etwas näher bringen möchte, um mir damit eingehender klar zu machen, dass ich weit über 20 Tausend Jahre auf den von mir verursachten Müll aufzupassen habe, weil dieser in der Zwischenzeit stark strahlend ist und damit durchaus auch in der Lage alles andere im nahen Umfeld zu kontaminieren – dann kann man einer neuen Energiequelle im lockeren Gespräch ja durchaus auch schon einmal etwas skeptischer eingestellt sein. Wenn man nicht gerade einen etwas größeren Koffer unter seinem Schreibtisch in der Staatskanzlei gefunden hat.

Allerdings gäbe es unter solchen Umständen wohl auch kein BER oder irgendwelche Philharmonien an größeren Flussläufen. Oder zumindest nicht zu solchen Preisen und mit diesen Folgen. Sollte man doch annehmen.

Apropos: hat man ja gerade in dieser Woche auch wieder einmal festgestellt, dass bundesbananikanische Großbauprojekte im Schnitt IMMER 30 Prozent teurer werden als ursprünglich geplant. Im Durchschnitt wohlgemerkt. Fragt man sich glatt, ob bei der Planung und Veranschlagung solcher großen Bauvorhaben nicht auch meine Omma das letzte Wort haben könnte. So als ultima ratio.

‚Nix, datt is zu teuer.‘

‚Mensch Omma, datt soll doch der tollste und größte und beste und schnellste und überhaupt deutscheste Flughafen auffer Welt werden!‘

‚Nix. Dann kann ich wieder nicht schlafen wenn ich durch Zufall mal in Berlin übernachte. Nene, die haben doch auch schon ein paar Flughäfen. Is zu teuer. Auch mit dem ganzen Brimborium dabei. Schluss, Aus. Datt machen wir nich!‘

‚Och Mensch Omma!

Spricht es aus und in der Tagesschau am Abend hört man dann so tolle Sätze wie:

‚Auch das Bundesrepublikanische Großbauprojekt des Flughafenneubaus in Berlin wurde heute mittag vonne Omma abgelehnt. Nach der Elbphilharmonie, dem unterirdischen Stuttgarter Bahnhof und der eigenen Weltraumstartbasis in Andernach am Rhein ist dies damit das vierte Bauprojekt in Folge, welches mit der Begründung, es sei zu teuer, von der Omma abgelehnt wurde. Vertreter der Wirtschaft und der Bauindustrie in der Republik sind bestürzt und befürchten nun Einbußen bis hin zu klaren Einbrüchen in der Konjunktur.‘

Und?

Ich fände es herrlich.

Wenn man sich so alljährlich unser geliebtes Schwarzbuch anschaut, dann wird einem oft ganz schwarz vor Augen. Und dann könnte man kotzen. Da hätte der kluge Hausfrauensachverstand einer nur mittelmäßig begüterten Omma eben schon ausgereicht, um diesen Irrsinn zu verhindern. So meine Meinung.

Oder man institutionalisiert das ganze. Eben mit einem Übersetzungsbüro. Um das tägliche Geschwurbel in für alle verständliche Worte zu kleiden. Da würde die Nachricht im Staatsfernsehen der BRD dann nur noch lauten:

‚BER machen wir nich mehr – is zu teuer!‘

Das versteht doch wenigstens jeder! Jetzt nicht direkt warum genau eben dieses Projekt. Aber halt die für jeden verständlichen, wichtigsten Gründe. Ohne großes Palaver.

So könnte man sich dann auch die große Politik vorstellen.

Also keine schwülstigen Reden über Bestürzung oder tiefe Betroffenheit. Nein. Tacheles.

‚Wenn der Herr Putin da jetzt nicht seine Waffen mit der kompletten Armee abzieht und da nicht langsam mal Ruhe ist im Karton, dann gibt et richtig Laffka. Sacht die Omma.‘

Herrlich. Omma for President sozusagen.

Also quasi so, wie es bald in den USA auch sein wird. Zumindest reden dort ja auch alle vom Untergang der Demokratie.

Ich sag es ja, wäre sowohl hier als auch dort ganz gut.

Nach über 100 Jahren ist es mir auch nicht mehr ganz so klar, warum ich mir dieses tägliche Geschwafel anhören muss, wenn dadurch nur Aktionen im Hintergrund, Korruption oder sonstige Vorteilnahme gedeckt wird.

Letztlich soll das Büro aber ganz andere Aufgaben, leider, übernehmen. Es soll behördliche Anweisungen in ein deutsch übersetzen, welches auch der gemeine Bürger versteht. Nein, nicht der Wutbürger. Eher so du und ich. Dass man mit diesen Maßnahmen  implizit klar macht, dass sich die Politik und die damit zusammenhängenden Behörden nun schlussendlich ganz vom Bürger und seiner Sprache entfernt haben, das ist dabei jedoch nur nebensächlich. Was hat man schon davon, wenn einen das eigene Volk nicht mehr versteht?

Geschweige denn die Zugereisten? Welchen Eindruck hat man als Außenstehender von einer Behörde, die eine simple Übersetzung braucht, um sich verständlich auszudrücken?

Nicht, dass ich mich an dieser Stelle über Menschen mit Behinderung lustig machen oder deren Probleme klein reden möchte, weit gefehlt. Ich finde es eher sonderbar, dass man sich nicht verständlich auszudrücken vermag und hierfür noch Bürokräfte beschäftigen muss. Fragt man sich glatt, wer hier die Behinderung hat…

Und man fragt sich sofort, wer überhaupt noch in der Lage ist, in dieser Republik eine Steuererklärung ordentlich und vor allem Ordnungsgemäß auszufüllen – wenn das schon der gebildete und versierte Herr Hoeness nicht richtig schafft. Der Arme.

Geschweige denn von den ganzen Mitbürgern zu reden, die weder Schreiben noch Lesen können. Die armen Parlamentarier. Klar, dass man dann ein Übersetzungsbüro braucht.

Könnte ich auch langsam gebrauchen, verstehe das hier alles ja schon lange nicht mehr…

WEISSE BESCHEID, ne?

7 Gedanken zu “Das Übersetzungsbüro

  1. ratzebine schreibt:

    Also wennze Dich nich verstehst, frag Deine Omma. Die versteht Dich. Dafür sind Ommas da.
    Und wenn dat immer 30% sind dann rechnet die doch einfach drauf, dann stimmt’s wieder. Kann doch jedes Milchmädchen. Und das war getz kein sexistischer frauenfeindlicher Blondinenwitz. ICH darf dat.

    Gefällt 1 Person

  2. Careca schreibt:

    Und wennse dat so liest, nech, dann kommt gerade ein Polizist daher und bestellt nen Wasserwerfer. Wobei, Omma sacht dann sicha: „Nix, datt is zu teuer.“ Und der verantwortliche Politiker sagt dann seufzend: „Sie hat Recht. Wasser ist zu teuer. Lasst es uns wieder in die Sahelzone schicken und dort teurer verkaufen …“
    … und bei den letzten Absätzen deines Artikels musste ich unwillkürlich an den Spruch denken: Warum treten Polizisten immer zu zweit auf? Der eine kann nicht lesen und der andere nicht schreiben …
    Ich bin dann mal weg, bevor ich eine teure polizeiliche Ermittlungsmaßnahme verursache. Wäre zu teuer …

    Gefällt 1 Person

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