Das Buch der Bücher

Lieber Tagesbuch,

ist hierzulande, nicht wie du jetzt vermutest, die Bibel. Obwohl es schon einige Offenbarungen und Apokalypsen enthält. Nein, weit gefehlt, es handelt sich dabei gar nicht um einen religiösen Reigen durch die Region – es ist das unbekannte und intransparente Lebensmittelbuch.

Fragst du mich jetzt, was das ist.

Nun. Nicht ganz so einfach, das.

Sagen wir mal, du hättest 500 Gramm Erdbeeren in deiner Hand. Wohlfeil verpackt in Plastik wie es heute üblich ist – und du stehst damit in deiner eigenen Sporthalle. So 50 mal 20 Meter um ein wenig genauer zu werden.

In der Sporthalle befinden sich noch einige andere Sportler die Turnübungen machen, aber die sollen uns zunächst nicht weiter stören. Auf die Gruppenübungen kommen wir nachher noch zu sprechen.

In der gesamten Halle verteilt hast du eine Tonne reinen Naturjoghurt herumstehen. Da fängt jetzt schon die krux an. Was genau heißt jetzt hier Natur?

Haben die Kühe an 360 Tagen draußen im Freien gegrast oder sind es eher Stalltiere die mit Kraftfutter versorgt wurden? Wurden die empfindlichen Zitzen mit der behutsamen Hand einer jungen Melkerin entsaftet – oder durch eine Maschine lieblos abgezapft?

Wurde die Milch gereinigt oder behandelt? Welche Zusatzstoffe sind in der Molke? Und so weiter und so fort.

Steht da also die Tonne Naturjoghurt herum. Und je nachdem, ob du nun klitzekleine Teilchen von deinen Erdbeeren zurechthackst und diese in dem Joghurt verteilst oder du nur die gesamten Erdbeeren pürierst und dem Joghurt zuführst – ändert sich nach dem tollen Lebensmittelbuch die Bezeichnung deines Joghurts.

Nehmen wir einmal an, du verwendest deine Erdbeeren nur, um sie in der Halle abzulegen. Der Joghurt hat also mal neben Erdbeeren gestanden. Dann hast du schon aromatisierten Joghurt! Und nach dem Lebensmittelbuch darf dein Joghurt sogar verkauft und als Erdbeerjoghurt durchgehen! Hauptsache du hast ihn mit Holzspänen behandelt, die so ähnlich wie die Erdbeere schmecken!

Im Pfirsich-Maracuja-Saft tummeln sich stattdessen Äpfel und Orangen – und es ist gut zu wissen, dass im Tafelwasser geringfügige Mengen von Energie, Fett, gesättigten Fettsäuren, Kohlenhydraten, Zucker und Eiweiß enthalten sind.

Macht dich das jetzt nervös oder bist du gar irritiert?

Dass im Heringssalat Rindfleisch erlaubt ist, dass Kalbfleisch-Leberwurst zum Großteil aus Schweinefleisch hergestellt wird, keine Kalbsleber enthält und nur zu 15 Prozent aus Kalb besteht, dass Alaska-Seelachs-Schnitzel, gern verwendet in Brotaufstrichen und Salaten, muss nicht einmal aus Lachs bestehen, denn stattdessen erlaubt die Lebensmittelbuch-Kommission, dass Hersteller die Fischart Pollack dafür verwenden und diese mit Farbstoffen lachsähnlich einfärben.

‚Skandal!‘ höre ich dich schon schreien. Aber damit nicht genug: die Kommission selber wird weder durch das Europäische Parlament, noch durch die EU-Kommission, den Deutsche Bundestag oder die Bundesregierung reglementiert.

Was ja auch nicht wirklich schlimm ist, herrscht doch auch hier der Lobbyismus vor und dieser setzt sich in der Zwischenzeit, in der er nicht gebraucht wird, ganz neue, höhere Ziele. Ein Ring sie zu knechten…

Diese süße Kommission, die die Leitsätze unserer Ernährung bestimmt – die ist derart geheim, dass selbst die Gerichte einen Einblick in die Protokolle der Sitzungen verwehren! Warum sollte man auch wissen, wenn Vertreter aus der Industrie und Landwirtschaft sich gegenseitig die Kohle zuschieben und die Regeln derart aufweichen, dass selbst in aromatisierten Früchtetees nicht mal das enthalten ist, was man auf der Verpackung abbildet.

Banane? Nein, Herzkirsche. Aber dem Verbraucher ist es halbwegs egal. Jede Reform wird im Ansatz erstickt oder so lange daran herumgedoktert, dass am Ende ein ‚Reförmchen‘ herauskommt, welches dann abschließend nur den Namen der Kommission ändert. Oder den Tagungsort. Oder andere Bleistifte zur Benutzung für die Protokolle vorschreibt. Harte Sanktionen also!

Stehst du also mit deinen Erdbeeren in der Halle.

Und überlegst dir, dass eine Packung von 500 Gramm vielleicht zu wenig ist für eine Tonne Joghurt. Kaufst also noch eine Zweite und mischst das Ganze.

Verdammt. Plötzlich bist du der Einzige mit einem nachweisbaren Fruchtfleischanteil im Joghurt. Und wirst Marktführer. Und kannst vor lauter Einnahmen und Kohle nichts mehr machen als Millionär zu werden.

Wie, das wäre auch ein Ansatz? Das ist dir zu transparent? Ja, es würde endlich wieder dazu führen, dass wir das essen, was wir auch essen wollen. Und nicht, wie in dem berühmten Louis de Funes (RIP) Film ‚Brust oder Keule‘ irgendwelche Lebensmittel-Ersatzstoffe in uns hineinstopfen.

Aber was erzähle ich hier? Wo doch gerade in der Zeit, in der ich das hier erzählt habe, wieder zigtausend Burger über die Theke gegangen sind. Mach dir mal keinen Kopf und fang an in deinem Garten was anzupflanzen. Urban Gardening. Der Trend wird anhalten denke ich.

Und dann steht  in deinem Lebensmittelbuch vielleicht das alte Rezept für Rotkohl von der Omi.

Und da ist auch tatsächlich Rotkohl drin!

Heissa…schöne Neue Welt!

Am Ende des Tages kommt ein Reporter in deiner Produktionshalle vorbei, die mit dem Joghurt und den Erdbeeren. Und der sieht in deiner Halle die bereits erwähnten Sportler Gymnastik treiben.

Mensch, dann ist das ja sogar ein Fitness-Joghurt den du da verkaufst!

WEISSE BESCHEID,ne?

 

 

3 Gedanken zu “Das Buch der Bücher

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